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Das Logo der städtischen Musikschule – ein Leitbild

Eine Reise durch die europäische Musik- und Kulturgeschichte


Notenschlüssel sind ein Merkmal der europäischen Musik- und Kulturgeschichte. Komponierte Musik mit komplexer Struktur, sei es einstimmige oder mehrstimmige Musik, bedarf der schriftlichen Fixierung, also der Notation. Ohne Schrift wäre eine werkgetreue Aufführung unmöglich. Die Schreibweise von Notenzeichen auf Linien braucht, um unmissverständlich lesbar zu sein, den Schlüssel.

Das zentrale Zeichen im Logo ist ein auf das Wesentliche reduzierter Violin- oder G-Schlüssel. Unschwer lesbar ist der Buchstabe G. Er enthält in seinen schwarzen Flächen zugleich zweimal den Buchstaben C. Der C-Schlüssel hat seine Dienste lange vor dem uns geläufigen G-Schlüssel schon in der römischen Choralnotation um 1200 getan. Der Bassschlüssel oder F-Schlüssel folgte alsbald mit der Entstehung der Mehrstimmigkeit. Ihn lässt das Logo unreduziert in seiner ganzen Gestalt erscheinen.

Mit den Notennamen F - C - G sind zugleich Tonabstände bezeichnet, sogenannte Intervalle, in diesem Fall ganz bestimmte Intervalle, nämlich reine Quinten. Pythagoras (570 - 500 v. Chr.) hat nach ihrer Bedeutung in der Ordnung der Töne geforscht. Die ganze abendländische Musik basiert auf dem Phänomen der Quintverwandtschaft. So wurde der Quintenzirkel zum Alptraum vieler Schüler und teilt dieses Schicksal ungeliebten Lernstoffes mit zahlreichen Erkenntnissen jeder Wissenschaft überhaupt. Der Hörer von Popmusik muss ja nicht wissen, wie die Klänge aufgebaut und verwandt sind, sie muss ihm nur gefallen und seine Sehnsüchte stillen. Diese Sehnsüchte stillt vornehmlich Musik, die die Tonalität wahrt und insofern zur jahrhundertealten Tradition europäischer Musik hält.

Im Logo finden sich auch die Linien der Notation, ehemals vier an der Zahl. Sie tragen der Tatsache Rechnung, dass wir Tonhöhen in Stufen unterscheiden. Stufenlosigkeit ist so nicht notierbar. Sie gehört ins Lager der Effekte, nicht in den Bereich von Maß und Zahl.

Ganz im Zentrum des Logo steht der Kleinbuchstabe c. Gedeutet nicht als Buchstabe sondern als Halbkreis, verweist es auf die alten Mensurzeichen, unerlässliche Hilfsmittel der Komposition mittelalterlicher Mehrstimmigkeit, Ordnungsvorgaben komplexer Polyphonie. In unsere Zeit herübergerettet hat sich der Halbkreis als Zeichen für den 4/4-Takt oder, mit einem zusätzlichen senkrechten Strich, für den Alla breve -Takt. Mit "brevis" wurde einer der zahlreichen mittelalterlichen Notenwerte bezeichnet.

Der Meister der barocken Polyphonie, Johann Sebastian Bach, bediente sich traditionell und originell rationaler Kompositionstechniken: Umkehrung, Krebsgang, Augmentation und Diminution (Vergrößerung und Verkleinerung). Im Logo finden wir das Prinzip der Umkehrung im Wechselspiel von schwarz und weiß, positiv und negativ. Anfang und Ende der schwarzen und weißen Flächen erscheinen austauschbar, ein Hinweis auf den Krebsgang, das heißt, Musik erklingt im Rückwärtsgang. Der Buchstabe c erscheint in drei verschiedenen Größen, normal, diminuiert und augmentiert.
Unser gebräuchlicher Vorrat an Notenwerten ist im Logo auf zwei Notenhälse und Fähnchen reduziert. Sie stehen für ein musikalisches Phänomen, das die Gemüter bis zur Ekstase treiben kann, den Rhythmus.

Musik bliebe aber für den Hörer unverständlich und konfus, fände in ihr keinerlei Wiederholung statt. Auf das Wiederholungszeichen für Formabschnitte verweisen im Logo zwei Punkte. Wiederholung im kleinsten wie im großen Zusammenhang, wörtlich oder variiert, garantiert erst den Genuss, sorgt aber auch für Ermüdung, wenn das Maß überschritten wird. In der Spannung von Neuheit und Wiederholung zeigt sich der Genius. „Variatio delectat.“ Variationen sind zugleich Wiederholung und Veränderung.

Da Musikschulen in der Praxis weniger das Komponieren selbst lehren, sondern mehr das Spielen auf einem Instrument, muss im Logo auch die "musica instrumentalis" ihren Platz haben. Die Mehrdeutigkeit der Zeichen im Logo erlaubt auch diese Sichtweise.

Das Logo als ganzes stellt ein Saiteninstrument dar. Erkennbar sind Saiten, Wirbelhalter, Wirbel und Korpus. Instrumentenbau und komponierte Musik hängen untrennbar in Wechselwirkung zusammen. Dabei lässt sich schwer ausmachen, wer jeweils wen inspiriert, die Anforderungen der Musik den Baumeister oder das vollkommene Instrument den Komponisten. Der Korpus eines Streichinstruments hat seine eigene Geschichte in Form, Größe und Baumaterialien. Die Anzahl der Saiten, ihre Spannung, ihre Stimmung, sind eine Wissenschaft für sich. Der Instrumentenbau ist ein Kultur- und Wirtschaftsfaktor seit Jahrhunderten.

Das Saitenspiel kennt zunächst zwei Varianten, Zupfen und Streichen. Mit dem "Hammer-klavier“ kommt das Schlagen hinzu, das analog zum Schlagzeugspiel besser als Werfen zu bezeichnen wäre. In jedem Falle verlangt das Spielen eine differenzierte Körperbeherrschung des Spielers, dazu das Begreifen der Kompositionsstruktur mit dem Verstand und die Fähigkeit zu seelischem Ausdruck. Beides macht Eindruck: Kultivierte Ausdrucksfähigkeit den guten und sogenannte Ausdruckslosigkeit bzw. unkultivierter Ausdruck den schlechten.

Musizieren ist ganzheitliche Bildung.
Wer erstmals in die Saiten greift, wird zunächst mit einem Schmerz in den Fingerspitzen und mit Druckstellen konfrontiert. Die Widerständigkeit des Instruments will überwunden sein mit Geduld und wachsender Geschicklichkeit, natürlich auch mit Hornhautwachstum. Zugleich mit der Widerständigkeit des Instruments müssen auch die Hürden des Vokabulars und der Grammatik in der Musik überwunden werden. Die Erfolgsgeschichte des großen und kleinen Virtuosen ist so immer auch eine Geschichte vergänglicher Schmerzen, ein Wachsen am Widerstand, auch dem eigenen. Unsere Sprache benennt all dies mit einem Wort: Üben.

Die Bildung der Finger-, Hand-, Arm- und Körperhaltung sowie der Körperbewegung mit ihren Qualitäten geht parallel mit dem wachsenden Unterscheidungs- und Verknüpfungsvermögen des Geistes, mit der Entwicklung von Gestaltungskräften. Auch die Darstellung von Bewegungsqualitäten kommt im Logo nicht zu kurz:

Einschwingen - Ausschwingen

Aufgehen - Schließen

Steigen - Fallen

Werfen - Auffangen

Beschleunigen - Auslaufen

Spannung - Lösung

eng - weit

klein - groß

leise - laut

Wiederholung - Umkehrung

Klang - Stille


Der Betrachter darf dem Logo noch viele weitere Assoziationen abgewinnen.

Eine Besonderheit in der Fülle der Zeichen hat mit der Musikgeschichte nichts zu tun: das Medium Farbe. Das Logo der Musikschule zitiert die Farben aus dem Logo der Keplerstadt und gibt damit freundlich zu erkennen, wer Träger und politischer Verantwortungsträger ist. Der Keplerstadt steht die Harmonie gut zu Gesicht.

Komposition: Gertraud Otterbach-Ruf
Interpretation: Franz Laupheimer